Provenienzforschung und Kolonialismus
Sendung: | Mittendrin Redaktion |
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AutorIn: | Katja Albrecht |
Datum: | |
Dauer: | 04:07 Minuten bisher gehört: 219 |
Manuskript
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In einem Museeum waren fast alle schon einmal und haben dort die verschiedensten Ausstellungsobjekte bestaunt, auch aus fernen Ländern und längst vergangenen Zeiten. Aber wie sind die Ausstellungsstücke eigentlich in die Sammlung gelangt? Das Thema der Kolonialisierung und der damit verbundenen Provenienzforschung ist momentan immer wieder in der öffentlichen Diskussion präsent. Studierende der Georg-August-Universität Göttingen planen hierzu aktuell ein Projekt. Worum es dabei genau gehen soll, erzählt die Ethnologie-Studentin Manou Freckmann:
O-Ton 1, Manou Freckmann, 24 Sekunden
„Dann geht es uns vor allem darum, diese Projekte der Provenienzforschung im Allgemeinen ein bisschen mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, weil das sehr sehr wichtig ist, weil es sehr sehr viele Gegenstände gibt, nicht nur bei uns in der Sammlung, sondern generell in europäischen Sammlungen wo nicht klar ist, wo genau die herkommen. Wo nicht genau klar ist, wie wir die erworben haben und wo vor allem nicht klar ist, ob wir die besitzen sollten. Und wenn nicht, ob wir die nicht gegebenenfalls sogar wieder zurückgeben sollten.“
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Im Rahmen der Provenienzforschung wird nämlich untersucht, wo der Ursprung von bestimmten Objekten liegt. Dabei geht es nicht nur darum, aus welchem Land der Gegenstand stammt, sondern auch, wie und wo er hergestellt wurde. Auch dessen Bedeutung und Bedeutungsgeschichte sind dabei von Interesse. Ebenfalls wird versucht herauszufinden, wie der Gegenstand in die entsprechende Sammlung, also zum Beispiel nach Europa, gekommen ist. Wie die Forschung abläuft, erklärt Michael Kraus, Kustos der ethnologischen Sammlung der Göttinger Universität:
O-Ton 2, Michael Kraus, 26 Sekunden
„Das ist sehr unterschiedlich. Das hängt ab von der Dokumentation, die vorhanden ist. Das kann ein sehr kleinteiliger, ein sehr mühevoller Prozess sein. Das heißt wir haben natürlich Eingangslisten, wir haben Karteikarten, wir haben Beschreibungen der Dinge, die wir hier haben. Davon gehen wir aus. Dann recherchieren wir weiter über die gängige Literatur und wir versuchen natürlich vor allen Dingen, mit Kolleginnen und Kollegen aus den sogenannten Herkunftsgesellschaften im Gespräch zu sein, um all das genauer zu bestimmen.“
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Was sich im ersten Moment überschaubar anhört, kann allerdings sehr schwierig werden. Vor allem, wenn der Gegenstand alt ist und somit möglicherweise auch wenig Informationen zu seiner Herkunft vorliegen. Kurator Kraus hat ein Beispiel, wie die Forschung stattfindet:
O-Ton 3, Michael Kraus, 32 Sekunden
„Ein Grundproblem ist, dass wir natürlich die teils dürftige Dokumentation beispielsweise aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr ändern können. Das heißt, das hab auch ich jetzt hier vorliegen, dass ich beispielsweise eine Eingangsliste habe, aus dem Jahr 1913. Da steht dann: Hauptmann Reinhard schenkt der Sammlung oder verkauft der Sammlung 78 Objekte aus dem damaligen Deutsch-Ostafrika, also der Region des heutigen Tansania. Und dann müssen sie nachspüren: Was können Sie über diese Person herausfinden, was können Sie über seine Tätigkeiten herausfinden.“
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Es gilt also herauszufinden, ob die jeweiligen Objekte redlich erworben wurden oder nicht. Im genannten Fall kommen einige Objekte von einem Hauptmann aus einer ehemaligen deutschen Kolonie: So lässt sich natürlich vermuten, dass dort wohl eine problematische Konstellation vorliegt, erklärt der Kustos. Warum genau die Herkunft von Objekten in Sammlungen und ihre möglicherweise belastete Beschaffung alle etwas angehen sollte, erklärt Manou Freckmann:
O-Ton 4, Manou Freckmann, 33 Sekunden
„In meinen Augen haben wir alle als Europäer*innen eine gewisse Verantwortung, weil wir immer noch von diesen Post-Kolonialen Strukturen irgendwie profitieren und gerade eben diese Museen und Sammlungen auch eigentlich immer von Europäer*innen geleitet werden. Generell die gesamte Kulturgeschichte, die wir dadurch hier fokussiert haben, eben nur von uns bearbeitet wird. Und die Provenienzforschung versucht eben den Fokus wieder auf die Gesellschaften zu rücken, aus denen diese Kulturgüter herkommen. Das heißt, man kann schon mit relativ wenig Hintergrundwissen einen kritischen Blick auf Sammlungen entwickeln.“
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Im Rahmen des Projektes der Studierenden werden auf einem Instagram-Kanal Informationen rund um das Thema leicht und verständlich dargestellt, um so das Bewusstsein der Gesellschaft für die Problematiken, mit denen sich die Provenienzforschung auseinandersetzt, zu erhöhen.
Zur Verfügung gestellt vom StadtRadio Göttingen
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