Sendung: Mittendrin Redaktion
AutorIn: Tina Fibiger
Datum:
Dauer: 04:56 Minuten bisher gehört: 197
Die hölzerne Barrikade vor dem Hauptportal ist jetzt schwarz eingefärbt. Mehrere Spiegel reflektieren die Umgebung. Wer nun einen Blick hinein riskiert, bekommt plötzlich Stimmen zu hören, die von seltsamen, schönen und manchmal auch verwirrenden Begegnungen erzählen. „Mechanische Tiere“ hat die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf ihre szenischen Miniaturen genannt, aus der DT-Intendant Erich Sidler und Bühnenbildner Florian Barth eine Installation entwickelt haben. Wie eine Hörgalerie lassen sich die Stimmungen der Figuren erkunden und wie sie ihre Lebensverhältnisse und ihre Visionen immer wieder in Frage stellen. Gestern wurde der inspirierende Parcours eröffnet. Tina Fibiger war für uns dabei.

Manuskript

O-Ton 1, Einspieler, „Mechanische Tiere“, 13 Sekunden

Liebe mich / Wenn die Welt mich fallen lässt / Liebe mich / Wenn ich ein anderer werde / Mich auflöse neu zusammensetze / Liebe den Rest /Der nach der großen Party von mir übrigbleibt“

 

Text

Als Rebekka Kricheldorf 2009 ihr Szenario über „mechanischen Tiere“ schrieb, hatte sie ursprünglich das Nachtleben mit der Disco- und Eventszene im Blick. Jetzt hat es den Anschein, als ob die Stimmen der Glückssucher und wie sie durch das Mauerwerk des Theatergebäudes dringen, eine letzte Mutprobe riskieren. Manche klingen besonders selbstbewusst, wie sie sich anderen gegenüber darstellen. Sie irritieren und verschrecken damit in den Begegnungen auch immer wieder die unsicheren Stimmen, die sich mit den Verhältnissen und mit sich selbst irgendwie arrangieren wollen.

 

O-Ton 2, Einspieler „Mechanische Tiere“, 29 Sekunden

Du suchst Blickkontakt zu mir / Du guckst bei jeder Szene die dir bedeutend vorkommt also praktisch bei jeder / Kurz zu mir wie um Bestätigung heischend du willst eine Verbindung / herstellen aber ich / will keine Verbindung / ich weiß dass du da sitzt und die ganze Zeit gucken willst und es / Mir zu Liebe / Nicht tust / Mir zu Liebe / Zusammenreißt das kann ich nicht ertragen / ich bin ganz still / Das ist ja das Schlimme du bist ganz still ohne still zu sein / Was soll ich denn tun“

 

Text

Jeder der sechs dekorativ arrangierten Spiegel an der schwarzen Barrikade ist mit einer Hörstation verbunden, für die jeweils zwei szenische Miniaturen kombiniert wurden. Es gibt keine Chronologie in den Begegnungen und es lassen sich auch keine klassischen Figuren identifizieren, sondern nur verschiedene Stimmen mit ihren Gedankensplittern. Es geht dabei oft frech und wortgewandt zu und das nicht nur, wenn es zu Begegnungen von Selbstoptimierern und Karrieristen kommt. Auch Sehnsüchte und Ängste durchdringen die Wortduelle, wenn es um neue oder längst gescheiterte Beziehungen geht. Gesucht wird nach Fluchtwegen, um die Gefühle von Schwäche oder Unsicherheit möglichst nicht preiszugeben und lieber eine Aufbruchsstimmung zu behaupten. Die hat auch Bühnenbildner Florian Barth bei seiner Erkundung der szenischen Miniaturen immer wieder vernommen.

 

O-Ton 3, Florian Barth, 20 Sekunden

Darum geht es auch bei diesen Kricheldorf-Figuren, dass die in ihrer immer wieder großen Verzagtheit und Verzweiflung oder dem Kater, mit dem sie aufwachen: Man hat dann trotzdem nach einer Woche schon wieder Lust, raus zu gehen und weiter zu tanzen oder weiter zu suchen oder auch mit sich selbst auszutauschen.“

 

Text

Die Aufforderung, sich mit sich selber auszutauschen, spricht auch aus Barths Bühneninstallation. Die Begegnung mit den Stimmen aus dem Mauerwerk funktioniert nur mit einem unmittelbaren Blick in den Spiegel, so dass der Text mit seinen Fragen über die Verständigung mit den Verhältnissen und dem Miteinander beim Zuhören vielleicht ganz persönliche Fragen zur Sprache bringen kann. Intendant Erich Sidler hat mit dieser Installation natürlich auch die Pandemie-Bedingungen besonders im Blick.

 

O-Ton 4, Erich Sidler, 34 Sekunden

Es geht natürlich ganz klar um die Frage, was geht uns an, wenn wir uns nicht begegnen können. Was geht uns verloren, wenn wir kein Theater haben, denn Theater ist nichts anderes als Begegnung. Diese Frage untersuchen wir natürlich laufend mit unterschiedlichen Dingen. Das haben wir ja auch schon mit unserer ersten Installation gemacht, weil gerade jetzt seit Corona diese Pandemie in vielerlei Hinsicht ein Brennglas ist. Es vergrößert eigentlich diese Erkenntnisse oder diese Bedürftigkeit. Hinter dem, was ich nicht sehe. Ist eben auch eine Welt. Die kann man erkunden, die kann erleben. Die kann man sich auf machen.“

 

Text

In der ersten DT-Installation waren die Stimmen der Theatermacher noch in den benachbarten Straßen zu hören, während Passanten und Spaziergänger jetzt in das Gebäude hinein hören können, um sich von den Stimmen der „mechanischen Tiere“ anregen, irritieren und inspirieren zu lassen, die weder hinter hölzernen noch hinter pandemischen Barrikaden Ruhe geben wollen.

 

O-Ton 5, Einspieler, Mechanische Tiere“, 31 Sekunden

Du bist wie ich und das ist zu viel / Warum bist du nicht anders / Weniger / Weniger Du / Ich will ja weniger sein / Erträglich weniger ich / Du willst / Du kannst nicht / Ich versuch’s / Du kannst nicht / Der kann / Klar / Der ist ja nicht ich / Eben / Na toll / Das kann ich auch / Weniger ich sein / Wenn ich nicht ich bin.“