Sendung: Mittendrin Redaktion
AutorIn: Roman Kupisch
Datum:
Dauer: 04:48 Minuten bisher gehört: 332
Jugendliche haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. Manchmal finden sie keine passende Ausbildungsstelle, manchmal keinen passenden Job, bei betrieblichen Kündigungen müssen sie als erste gehen, undsoweiter. Am schlimmsten sind aber die dran, die noch gar nicht wissen was sie eigentlich wollen und können. Die Jugendwerkstatt in Duderstadt ist eine Jugendhilfeeinrichtung, die sich um genau solche Fälle kümmert. Der Bedarf nach Aufnahme in deren Programm ist konstant hoch. Dennoch droht der Jugendwerkstatt das baldige Aus. Über die besonderen Anforderungen der Jugendberufshilfe und die Arbeit der Duderstädter Jugendwerkstatt berichtet Roman Kupisch.
Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von: Lünemann

Manuskript

Text

Für manche ist die Schlagzeile „Jugendarbeitslosigkeit in Niedersachsen bei 4,6 Prozent“ vielleicht wenig alarmierend. Denn der Begriff Jugendarbeitslosigkeit ist leicht falsch zu verstehen. Er kann den Eindruck hervorrufen, als ginge es lediglich um Ferien- oder Nebenjobs. Das richtige Berufsleben ist doch eigentlich etwas für Erwachsene. Das ist aber nur ein erster Eindruck. Denn die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit sind ein wichtiger Indikator. Sie geben Auskunft darüber, wie schnell der Einstieg ins Berufsleben – und damit in die Erwachsenenwelt gelingt. Als Fälle von Jugendarbeitslosigkeit werden aber auch diejenigen gezählt, die gar nicht erst in eine Ausbildung finden. Die Gründe dafür können vielfältig sein, wie Tanja Menge – Leiterin der Jugendwerkstatt Duderstadt – berichtet.

 

O-Ton 1, Tanja Menge, 32 Sekunden

Es gibt halt immer wieder Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderen Vermittlungshemmnissen, denen es schwer fällt direkt nach ihrer Schullaufbahn in eine Ausbildung zu finden. Und wir schauen ganz individuell welche Problemlagen gibt es denn, das geht über vielleicht früh Mutter geworden bis hin zu Schulabschluss gar nicht geschafft und deswegen keine Ausbildung bekommen, oder eine Ausbildung abgebrochen, manchmal ist es auch eine nicht gelungene Berufsorientierung, die Schuld daran ist, dass man es noch nicht geschafft hat in eine Ausbildung zu kommen – und da versuchen wir wirklich sehr breit zu unterstützen.“

 

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Derzeit betreut die Jugendwerkstatt in Duderstadt 23 Jugendliche und junge Erwachsene. Laut Tanja Menge bietet sie damit mehr Plätze an, als eigentlich üblich für Jugendwerkstätten. Den tatsächlichen Bedarf deckten sie damit aber noch lange nicht ab. Das Angebot der Werkstätten besteht in einer Mischung aus Beschäftigen und Vermitteln. Dabei setzen sie auf eine breite Vernetzung mit Behörden und Ausbildungsbetrieben. So wissen sie einerseits wo Bedarf besteht und andererseits, wo sich Förderungsmöglichkeiten ergeben. Manchmal reiche es aber schon aus den Jugendlichen einen strukturierten Tagesablauf zu ermöglichen, so Menge.

 

O-Ton 2, Tanja Menge, 29 Sekunden

Wenn wir uns mit den Jugendlichen ein Bild gemacht haben, wo ist denn der Förderbedarf, schauen wir natürlich auch genau hin, welchen Förderbedarf können wir decken, geht es um solche Dinge wie regelmäßige Arbeitsstrukturen, die man einhalten muss – erst einmal das Arbeiten erlernen -, oder geht es vielleicht um Dinge, wo es therapeutischer Hilfe braucht, wo wir natürlich weiter vermitteln. Wir haben ein breites Netzwerk hier aufgebaut, so dass wir da immer passgenau vermitteln können. Also wir wissen sehr wohl wo unsere Grenzen sind, aber wie wissen auch wer uns weiterhelfen kann und wer den Jugendlichen dann weiterhelfen kann.“

 

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Doch trotz des großen Andrangs droht der Duderstädter Jugendwerkstatt in absehbarer Zeit das Aus. Der Hauptgrund dafür ist: die Werkstätten werden im Rahmen der Jugendberufshilfe nur projektweise gefördert. Ihren finanziellen Bedarf decken die Jugendwerkstätten daher großteils aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). Die Gelder des ESF werden zwar vergleichsweise langfristig vergeben – sie stellen aber dennoch keine finanzielle Regelversorgung dar. Die laufende Förderperiode des ESF endet 2021. Und wie jetzt schon bekannt ist werden die Mittel des ESF in der kommenden Förderperiode drastisch reduziert. Dies wird unter anderem mit dem drohenden Brexit gerechtfertigt. Mit den Einsparungen im Sozialfonds droht auch das Aus für die Jugendwerkstätten. Damit stehen viele Jugendliche vor der Frage: was tun?

 

O-Ton 3, Tanja Menge, 34 Sekunden

Viele würden wahrscheinlich gar nichts machen. Wir erleben das häufig, dass Jugendliche selbsttätig sich bei uns melden, die sagen ich möchte was machen, ich möchte eine Tagesstruktur, ich weiß gar nicht wofür ich aufstehe. Einige würden vielleicht auch noch in einer Ausbildung feststecken, wo sie aber nicht weiterkommen, weil sie merken, dass es ihnen nicht liegt, aber ich denke in der Regel würden sie nichts machen. Es würde also bedeuten, dass Jugendliche einfach aus dem Raster fallen würden, weil es einfach nichts mehr gibt, was adäquates Angebot wäre, um sie mitzunehmen auf dem Weg ins Leben – und das wäre halt einfach dramatisch.“

 

Bereits vor knapp einem Jahr wusste das Niedersächsische Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten von den drohenden Kürzungen. Diese wurden anfangs auf zehn Prozent geschätzt. Es war jedoch rasch absehbar, dass die Kürzungen noch höher ausfällen würden. Sollten die Kürzungen tatsächlich bei über zehn Prozent liegen, drohten dramatische Folgen. Das gab die niedersächsische Europaministerin Birgit Honé bekannt. Zugleich kündigte sie an mit Brüssel in Verhandlungen treten zu wollen. Ergebnisse dieser Verhandlungen liegen derzeit nicht vor. Vorsorglich regte Honé dazu an, intelligente Lösungen, abseits der bisherigen Förderstruktur ins Auge zu fassen.